#Gruftwandeln unterm Regenbogen

oder: Wie man #IMT und #IDAHOT miteinander verbindet

Ich bin mit meinem Blog zu WordPress umgezogen, weil es mir dort komfortabler erscheint. Ich hoffe, dass mich der Umzug auch animiert, wieder mehr lippunermarc-Dinge zu bloggen. Die bisherigen Beiträge habe ich drüben importiert: lippunermarc.wordpress.com 



17. Mai 2015. Internationaler Museumstag (#IMT15). Internationaler Tag gegen Homophobie und Transphobie (#IDAHOT2015). Im Leben eines kultur- und hashtagverrückten, schwulen Twitterers sind das beides ziemlich wichtige Termine.

Der Museumstag wird seit 1978 vom Internationalen Museumsrat ICOM immer an einem Sonntag Mitte Mai ausgerufen, um auf die thematische Vielfalt der Museen weltweit aufmerksam zu machen. Die Veranstaltungen, die auf den katastrophalen Akzeptanzstatus sexueller Vielfalt weltweit aufmerksam machen wollen, berufen sich seit zehn Jahren auf den 17. Mai 1990, den Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschloss, Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. 

In diesem Jahr fielen beide Anlässe nun auf das selbe Datum. Grund genug, sich einmal umzuschauen, ob sich das dann nicht auch irgendwie miteinander verbinden ließe. 
Ließ es. In Schöneberg. Auf einem Friedhof. 


Es ist nicht einmal groß um die Ecke gedacht: Letztlich ist ein Friedhof auch so etwas wie ein Freiluftmuseum. Geschichte findet sich hier, Geschichten erst recht - weit mehr als die Anzahl der Personen, die unter der geweihten Erde liegen. Gedenkkultur, künstlerische (zumindest kunsthandwerkliche oder wenigstens kuratorische) Gestaltung und Pflege - das sind schonmal drei Dinge, die Museen und Friedhöfe gemein haben.

Ein Friedhof also. In Schöneberg - dem traditionsreichen Epizentrum homosexuellen Lebens in Berlin. Hier findet auf dem Sankt-Matthäus-Kirchhof seit einigen Jahren immer am 17. Mai eine "schwule Friedhofsführung" statt, die den doppelsinnigen Titel Kreuz & Queer trägt, was ganz wunderbar passt, weil sie nämlich gar nicht nur schwul ist, sondern auch auf hier bestattete lesbische und transsexuelle Personen hinweist, und auf die Brüder Grimm, Rudolf Virchow und Friedrich Drake, den Schöpfer der Goldelse, die alle ebenfalls hier liegen. Dass die Führung nun ausgerechnet am 17.5. angeboten wird, hängt zahlenspielerisch mit dem §175 zusammen, der bis 1994 Homosexualität in Deutschland kriminalisierte. Über den Friedhof und die Hintergründe der Führung hat Rainer Hörmann erst kürzlich berichtet, und auch auf die ehrenamtliche Arbeit des Fördervereins EFEU e.V. aufmerksam gemacht, der die Führungen organisiert.


Ich bin über eine Veranstaltungseinladung bei Facebook auf die Aktion aufmerksam geworden, und mit mir haben sich - ich war überrascht - mehr als siebzig Menschen vorm Friedhofscafé versammelt - vorrangig Männer, überwiegend homosexuell - um sich zu einer Auswahl der etwa 90 gelisteten Grabstätten von queeren Persönlichkeiten führen zu lassen. 
Nicht alle sind berühmt - Rio Reiser ist vielleicht sogar der einzige -, einige waren eher berüchtigt - wie der 2014 in Brasilien erschossene Clubbesitzer René Maron - oder Berliner Szenegrößen - wie die Polit- und Kabarett-Tunte Ovo Maltine. Dem AIDS-Aktivisten, der in einigen Rosa-von-Praunheim-Filmen mitwirkte und 1998 als Direktkandidat zur Bundestagswahl antrat, war der Rundgang anlässlich seines zehnten Todestags gewidmet. Er, mit bürgerlichem Namen Christoph Josten, starb an den Folgen seiner HIV-Erkrankung, wie viele andere Männer auch, die während der zweistündigen Führung vorgestellt werden: Der Filmverleiher Manfred Salzgeber zum Beispiel, der Fotograf Jürgen Baldiga oder der Schriftsteller Napoleon Seyfahrt.

Rio Reiser läuft den Brüdern Grimm so langsam den Rang ab.

Das Grab von Ovo Maltine.

Auf der Grabstätte von Manfred Salzgeber, Leiter der Sektion Panorama auf der Berlinale, steckt eine laminierte Postkarte von den Teddy-Awards.

Jürgen Baldigas Grabstein ziert eine Cocteau-Zeichnung.

Auf der kleinen Plakette an Napoleon Seyfahrts Grab sieht man ihn an seinem blauen Sarg sitzen. Darunter ein Zitat:
"Ich bin gestorben, wie ich gelebt habe - über meine Verhältnisse!"
Angesichts der vielen AIDS-Toten überrascht es nicht, dass mit dem Denkmal positHIV hier eine Gemeinschaftsgrabstätte ihren Platz gefunden hat, die derzeit auf 100 Quadratmeter erweitert wird: Ein eindrückliches und signifikantes Zeichen für die noch immer tödlichen Folgen einer Infektion.



Ludger Wekenborg und Wolfgang Schindler, die die Führung gestalten, sammeln Informationen zu allen homo- und transsexuellen Menschen, die auf dem Sankt-Matthäus-Kirchhof begraben liegen, und sie fordern die Führungsteilnehmer wiederholt auf, Informationen zu den Toten bereitzustellen. Zu den Bekannten, vor allem jedoch den Unbekannten, von deren Freunden einige unter den Zuhörern waren. Die Mappe mit den Lebensläufen und Bildzeugnissen, die im Friedhofscafé ausliegt, ist bereits so breit wie ein Aktenordner, und sie wird peu à peu breiter werden. 
Es sind gerade die großen und die kleinen Geschichten, die bekannten und die unbekannten, die im Nachklapp einen differenzierten Blick auf eine Zeit, eine Gesellschaft oder ein Thema ermöglichen. Die aufmerksam machen, die die Neugier wecken, die den Horizont erweitern, die Erinnerungen wachrufen. Also all das, was #IMT und #IDAHOT auch wollen. Kreuz & Queer bot für mich an diesem Tag die optimale Verknüpfung.

Die Grabstätte des Opernregisseurs und Schwulenaktivisten
Andreas Meyer-Hanno

Die Grabstätte des Schrifstellers Hans Scherer ziert ein bronzener Faun.
Das schwule #Gruftwandeln auf dem Sankt-Matthäus-Kirchhof hat meine to-do-Liste um einiges erweitert: Mir fiel ein, dass ich Napoleon Seyfahrts Schweine müssen nackt sein schon immer mal lesen wollte, ebenso Remeurs Sünden von Hans Scherer, der auch hier liegt. Ich bin neugierig geworden auf die Fotografien von Jürgen Baldiga, und ich möchte mich - das hat weniger mit der Führung als vielmehr mit der Friedhofsgeschichte an sich zu tun - mit Speers und Hitlers Germania-Projekt beschäftigen, für das 1938 ein Drittel des Friedhofs umgebettet wurde. 

Und ich werde jetzt wohl öfter #Gruftwandeln. Die Denkmaschine der Kulturfritzen ist angeworfen. 

(Alle Fotos (c) Marc Lippuner)


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2 Kommentare:

  1. Danke für den schönen artikel. Würde diese Seite gerne auf unserer Website verlinken.
    Ludger

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    1. hallo ludger, über eine verlinkung freue ich mich immer :) beste grüße, marc

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